Überall wird über Flüchtlinge und Asylbewerber diskutiert. In den sozialen Netzwerken, im Büro, auf der Arbeit, und sogar im Wartezimmer beim Arzt. Die, die dort am lautesten wettern sind meistens Rentner. So habe ich es auch heute Morgen bei meinem Orthopäden erlebt. Als eine ältere Dame dann auch noch bewusst gestreute Lügen kolportierte, ist mir die Hutschnur geplatzt. Ich habe Ihr gesagt, dass das, was sie dort sagt totale Scheiße ist und dass es mir jetzt reicht. Ich werde nicht mehr nur schreiben, ich werde den Mund aufmachen und sagen: „Es reicht. Hören sie auf.“

Ich habe der Frau dann folgendes gesagt:
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Stellen sie sich vor, sie haben ein Leben lang gearbeitet, haben drei kleine Kinder, eine Frau, ein Haus und ein Auto. In ihrem Land bricht Krieg aus und alles wird zerstört. Ihr Land, ihre Stadt, die medizinische Versorgung, ihr Haus, ihr Auto, ihre Arbeit gibt es nicht mehr. Das Geld für eine Flucht, welche 30% nicht überleben, reicht nur für eine Person. Sie wissen, dass es in Europa die Möglichkeit gibt, Asyl zu beantragen und, dass es dann die Möglichkeit gibt die Familie auf sicherem Weg nachzuholen.

Meine Frage nun:
Wer aus ihrer Familie flüchtet und was sind die wichtigsten drei Dinge, die auf die Flucht mitgenommen werden?

Die Flucht ist gelungen, sie haben nach Monaten ein Land erreicht, welches sicher ist: Griechenland. Es stapeln sich die Menschen am Strand, bei bulliger Hitze. Keine Toiletten, keine Versorgung mit Wasser oder Lebensmitteln, kein Schlafplatz, sie verstehen kein Wort der Sprache. Sie haben nur einen Gedanken: Ich muss weiter, weg von diesen Menschenmassen, ich muss meine Familie retten. Ich brauche eine Wohnung, ein Leben, Sicherheit. Gut, dass sie ihr Handy mitgenommen haben und wissen, dass ihre Familie noch lebt. Das gibt ihnen Kraft weiterzumachen. Also machen sie alles mit. Sie lassen sich in ein Flüchtlingscamp einquartieren, genau wie tausend andere auch, in der Hoffnung, nicht vergessen zu werden. Sie schlafen mit vielen anderen Menschen, wie die Tiere zusammengepfercht, in einem Zelt. Nicht jeder hat das Glück ein Bett zu bekommen.

Meine nächste Frage:
Wie fühlen sie sich? Was ist ihr nächster Schritt?

Sie haben gehört, dass es im Inneren Europas ruhiger wird, die Flüchtlinge sich besser verteilen. Sie flüchten weiter. Irgendwann landen sie in Deutschland. Sie sprechen die Sprache nicht und campieren tagelang vor verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen. In den langen Schlangen angekommen, dürfen sie ihren Platz in der Schlange nicht verlassen, sonst müssen sie sich wieder hinten anstellen. Sie wissen schon jetzt, dass Ihr Antrag vielleicht erst in mehreren Monaten bearbeitet wird. Bis dahin bekommen sie keinen Aufenthaltsstatus, haben keine Chance zu arbeiten und auch keine Möglichkeit ihre Familie nachzuholen. Mittlerweile haben sie ihre Familie seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Wie gut, dass sie ihr Telefon haben und wissen, dass ihre Angehörigen noch leben. Aber sie schämen sich, sie haben noch nichts erreicht. Sie stehen ganz alleine und haben Angst, dass morgen ihre Frau nicht mehr ans Telefon geht.

Meine Frage:
Hätten sie auch Angst um ihre Familie?

Irgendwann landen sie dann in einem anderen Überganswohnheim und teilen sich mit 20 anderen Männern, die ihre Familien genauso vermissen, wie sie, ein Zimmer. Weitere 1200 Menschen leben in dem Gebäude um sie herum. Mit 100 Menschen teilen sie sich eine Toilette und eine Dusche. Stellen sie sich das einmal vor: 20 Männer, verschiedener Nationalitäten, politischer Einstellungen, Religionen, unterschiedlichen Alters, voller Sorge um ihre Familien, in einem kleinen Raum und sie mittendrin. Sie haben seit Monaten nicht mehr richtig geschlafen und gegessen, es sind über 30 Grad draußen, sie haben nichts weiter zu tun, als zu warten. Drei Monate lang. Vorerst. Denn danach werden sie auch noch auf die Bearbeitung ihres Asylantrages warten und das kann dauern.

Meine Frage:
Wie lange würde es dauern, bis sie ausrastest?
Wie würde es ihnen gehen?
Waren sie schon einmal in einem Zeltlager oder auf einem Konzert?
Wie sehen die sanitären Anlagen aus, wenn sich so viele Menschen den Platz teilen?

Sie bekommen Essensrationen ausgeteilt. Es gibt das, oder nichts. Tagelang. Sie können es irgendwann nicht mehr sehen. Ihnen fehlt ihre Familie, nehme ich an. Es schnürt ihnen den Magen zu, sie haben Angst um sie. Sie haben keinen Hunger mehr und zermartern sich ihr Gehirn:
Warum ist alles so fremd? Warum lässt man sie nicht selber kochen und für sich selbst sorgen? Warum kann ihre Familie nicht einfach bei ihnen sein? Warum können sie nicht einfach arbeiten?

Frage:
Wie ginge es ihnen in der Situation?
Was machen sie mit ihrem Frust und ihrer Verzweiflung?

Die Situation und die Ausstattung der Notunterkunft sind erbärmlich. Die Schlange vor den Toiletten ist lang. Die Blase drückt.

Frage:
Was machen sie?

Und was machen sie, wenn die Mülleimer tagelang nicht gelehrt werden und aus allen Nähten platzen, weil sie einfach mit 1200 anderen Menschen „vergessen“ werden, oder zumindest dieses Gefühl haben? Was stellen sie am Tage an, damit ihnen das Warten nicht zu lang wird?

Frage:
Wer macht hier etwas falsch? Der Flüchtling? Die Politiker? Die Menschen, die Stimmung gegen die Flüchtlinge machen? Die Leute, die wegschauen?

Deutschland gehört zu einem der reichsten Länder der Welt, mit einer der besten sozialen Absicherungen. Jeder Deutsche kann Hartz IV beantragen und bekommt Hilfen und Unterstützung bei der Wohnungssuche. Die Wohnung wird bezahlt und das Geld reicht aus, damit man etwas essen kann und nicht hungern muss. Jedes Kind kann zur Schule gehen. Was für ein unglaublicher Luxus. Damit hat jeder Mensch hier in Deutschland mehr, als die meisten anderen Menschen auf der Welt.

Ok, sie reden von Wirtschaftsflüchtlingen.

Stellen sie vor, ihr Land wird von anderen Ländern ausgebeutet. Schauen sie mal in ihre Kleidung. Woher kommen diese? Informiere sie sich darüber, wo Kleidung und Lebensmittel, die wir konsumieren, oft produziert werden. Googeln sie auch mal unter welchen Bedingen.
Stellen sie sich ihren eigenen kleinen Hof, mit welchem sie sich und ihre Familie selbst versorgen, vor. Jedoch können sie ihn nicht mehr halten, da die Wasserzufuhr von den Großkonzernen gekappt wurde. Ihre Ländereien sind tot, ihr Geld reicht nicht, um ihre Familie zu ernähren. Ihre Kinder werden sterben, wenn sie bleiben. Das wissen sie. Sie versuchen sich jahrelang über Wasser zu halten, versuchen vielleicht ihre Hühner auf dem Markt zu verkaufen. Die nimmt ihnen aber keiner mehr ab, da sie zu klein und teuer sind. Gleichzeitig überflutet ein westlicher Großhändler den Markt mit seinen Billighühnern durch Massentierhaltung und nimmt ihnen damit jede Lebensgrundlage.

Frage:
Was tun sie, um sich und ihre Familie zu retten?

So lange wir mit unserem Konsum die Ausbeutung anderer Länder vorantreiben, werden diese Menschen flüchten, um zu überleben. Das sind die Menschen, die sie Wirtschaftsflüchtlinge nennen. Wir sind an dieser Flucht mitschuldig. So lange wir nicht aufhören diese Ländern kaputt zu machen, werden diese Menschen versuchen, hier ihr Glück zu finden.

Jeder Einzelne von uns würde in einer solchen Situation das Gleiche tun!

Meine letzte Frage:
Sie auch?
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Mittlerweile wurde es still im Wartezimmer. Dann sagte die Dame mit ganz leiser gebrochener Stimme: Wir sind ja damals im Krieg auch geflohen.

Ihr Name wurde aufgerufen und sie stand auf.

Dann schaute sie noch einmal mit Tränen in den Augen zu mir zurück und ging.
Autor:Thomas Franz Schmid /FB
Foto: Ryan McGuire

4 thoughts on “Es reicht – Hören sie auf!

  1. Vielen Dank, liebe Barbara für den Blogeintrag – ich werde ihn auf FB teilen.
    Liebe Grüße
    Thomas Bernhard

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